ATOMKRAFT
FOREVER

(94 Min., D 2020)

ATOMKRAFT
FOREVER

(94 Min., D 2020)

2022 steigt Deutschland endgültig aus der Atomkraft aus. Weil das Risiko zu hoch ist, die Technik nicht beherrschbar. Doch der nukleare Albtraum geht weiter: Mit Zigtausenden Tonnen radioaktiven Mülls, dessen Lagerung völlig unklar ist. Mit dem gefährlichen Rückbau der Kraftwerke, der Jahrzehnte dauern und viele Milliarden Euro verschlingen wird. Und mit Nachbarn, die am Menschheitstraum Kernenergie festhalten: Von 27 EU-Staaten betreiben 13 Atomkraftwerke und der Ausbau geht weiter.

Der Kino-Dokumentarfilm ATOMKRAFT FOREVER von Carsten Rau wirft einen ebenso profunden wie beunruhigenden Blick auf den nuklearen Albtraum. In großen Bildern, die es so noch nicht zu sehen gab, und sechs miteinander verwobenen Episoden: Vom absurden Aufwand beim Abriss eines gigantischen Atomkraftwerkes. Über die Suche nach einem Endlager, das eine Million Jahre und die nächsten zehn Eiszeiten überstehen soll. Bis ins Herz der französischen Atomindustrie, die den deutschen Ausstieg als „lächerlich“ verhöhnt und noch mehr Kraftwerke will.

Dabei zeichnet es den Film besonders aus, dass er sich auf keine Seite dieser seit Jahrzehnten zutiefst ideologisch geführten Debatte schlägt. ATOMKRAFT FOREVER spart keine Argumente aus, auch wenn sie unliebsam sein mögen. Am Ende kann und muss sich der Zuschauer ein eigenes Bild vom Wahnsinn Atomkraft machen. Der kein Ende hat.

Buch/Regie: Carsten Rau
Kamera: Andrzej Król
Schnitt: Stephan Haase
Musik: Ketan und Vivan Bhatti
Mischung: Yannick Rehder
Redaktion: Kai Henkel (SWR), Timo Großpietsch (NDR)
Produktion: PIER 53 Filmproduktion

FESTIVALS

DOK Leipzig
Braunschweig International Film Festival
Kasseler Dokumentarfilmfest
Nordische Filmtage, Lübeck

INTERVIEW

Carsten Rau

Ihr Film heißt ATOMKRAFT FOREVER. Das ist ein gewagter Titel angesichts des deutschen Ausstiegs.

Carsten Rau: Das glaube ich nicht. Zum einen erzeugt zum Beispiel Frankreich nach wie vor Dreiviertel seines Stroms mit Kernenergie. Und etwa die Hälfte der EU-Staaten betreibt noch immer Atomkraftwerke. Deutschland steigt 2022 aus, das stimmt. Aber die Suche nach einem Endlager für unseren hochradioaktiven Müll hat ja erst begonnen und wird frühestens 2031 abgeschlossen sein. Und dieses Endlager soll den Atommüll irgendwann sicher verschließen für eine Million Jahre. Ich finde, das klingt ziemlich nach Forever.

Worum geht es in dem Film?

Carsten Rau: ATOMKRAFT FOREVER umreißt den Menschheitstraum von der unendlichen Energie und vom Wohlstand moderner Gesellschaften durch Kernspaltung. Dieser Traum ist in Deutschland vorbei. Der Film beschreibt unter anderem den absurden Aufwand, 17 Atomkraftwerke zu dekontaminieren, abzureißen und den nuklearen Schrott irgendwann unter die Erde zu bringen. Das alles wird viel länger dauern als die Kraftwerke Strom produziert haben. Aus dem Menschheitstraum ist ein Albtraum geworden.

Aber der Film begleitet auch Befürworter und Nuklearingenieure. Warum?

Carsten Rau: Das stimmt. Wir konnten unter anderem mit französischen Ingenieuren und jungen Wissenschaftlern drehen. Das war mir wichtig. Denn diese Leute leben für ihren Traum von einer nuklearen Zukunft. Die meinen das wirklich ernst. Und die Erderwärmung gibt diesen Befürwortern neuen Auftrieb, weil sie sagen, Kernenergie sei CO2-arm.

Aber Sie wollen doch nicht bestreiten, dass Kernenergie mit weltweit etwa zehn Prozent nur einen kleinen Beitrag zur globalen Stromproduktion leistet?

Carsten Rau: Einige der großen Industriestaaten betreiben noch immer eine beachtliche Zahl von Kernreaktoren wie zum Beispiel die USA, China, Russland oder eben Frankreich. Aber die Relevanz von Kernenergie beschränkt sich nicht auf den Strom, der hinten rauskommt. Das Risiko ist global. Wie wir in Fukushima gesehen haben, reicht ein einziges Atomkraftwerk für eine nukleare Katastrophe, die dramatische Folgen hat weit über nationale Grenzen hinaus.

ATOMKRAFT FOREVER bringt die Zuschauer unter anderem ins Herz der französischen Atomindustrie. War es nicht schwer, eine Drehgenehmigung zu bekommen?

Carsten Rau: Ehrlich gesagt, hat es zwei Jahre lang gedauert und viele persönliche Gespräche gebraucht, bis wir einen Fuß im französischen Kernforschungszentrum hatten. Die Leute hatten anfangs nicht viel übrig für den Film. Kann ich auch verstehen. Aber ich glaube, unser Umgang mit den Wissenschaftlern war transparent und fair. Ob die das am Ende auch so sehen, werd‘ ich demnächst herausfinden, wenn ich wieder nach Frankreich fliege und den Film in einem Kino voller Nuklearingenieure zeige. Ich bin schon jetzt gespannt.

Ist das Genre des Dokumentarfilms überhaupt geeignet für so ein Thema?

Carsten Rau: In jedem Fall! Natürlich ist es eine handwerkliche Herausforderung, sämtliche Geschichten des Films szenisch umzusetzen und auf einen Kommentartext zu verzichten. Aber der Film bringt uns an so unglaubliche Orte mit so spannenden Menschen, die in jedem Fall einen Dokumentarfilm rechtfertigen. Außerdem glauben wir noch immer fest an die Mündigkeit der Zuschauer im Fernsehen und im Kino. Jeder wird mit eigenen Eindrücken aus diesem Film gehen. Nur an einer Erkenntnis führt kein Weg vorbei: die Atomkraft mit ihrem Müll wird bleiben.

Wie stehen Sie denn überhaupt persönlich zur Atomenergie?

Carsten Rau: Selbst atomkraftkritische Fachleute bestreiten nicht die herausragende Ingenieursleistung hinter der Kernenergie. Aber das Risiko eines Unfalls ist zu groß, von den alltäglichen Strahlen-Emissionen eines Kernkraftwerks mal ganz abgesehen. Und wir haben keine Ahnung, wohin mit dem Atommüll. Deshalb glaube ich nicht, dass es sinnvoll ist, die mächtigste Energie auf dieser Welt zu entfesseln, bloß um Wasser heiß zu machen.

CREDITS

Eine PIER 53 Filmproduktion

in Koproduktion mit
Südwestrundfunk
und Norddeutscher Rundfunk

gefördert durch
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

 

Buch und Regie
Carsten Rau

Montage
Stephan Haase
Sigrid Sveistrup, BFS

Kamera
Andrzej Król

Originalton
Augusto Castellano

Drohne
Anrdzej Kól

Aufnahmeleitung
Caroline Bouche
Andrea Pittlik

Weitere Recherchen
Caroline Bouche
Andrea Pittlik

Transkription
Anne Schmalfeldt
Katja Maasböl
Büsra Can
Claus Hegmann

Übersetzungen
Julie Baujard
Caroline Bouche
Leigh Hoch

Reisebüro
Monika Wever, Fairlines

Schnittassistenz
Lukas Hinsch

Bildbearbeitung
Oliver Stammel

Erstellung DCP
Martin Heckmann, Kinopost

Grafik
Katja Reise

Titeldesign
Georg Krefeld

Untertitel
subtext Berlin

Musik
Ketan und Vivan Bhatti

Mischung
Yannick Rehder, Tonik Studio

Sounddesign
Timo Lindemann, Tonik Studio

Produktionsassistenz
Andrea Pittlik
Jacob Hendriks (NDR)

Produktionsleitung
Thomas Lorenz (SWR)
Tim Carlberg (NDR)

Redaktion
Kai Henkel (SWR)
Timo Großpietsch (NDR)

Produzenten
Carsten Rau und Hauke Wendler